Unsere Austauschreise nach Rom

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18 Oberstufenschüler der AEO waren vom 9.10. bis zum 15.10.2009 auf Austauschreise in Rom. Ihr Programm beinhaltete einen Aufenthalt bei den Gastfamilien, geführte, kunsthistorisch fundierte Besichtigungen der klassischen Sehenswürdigkeiten - insbesondere: Forii Imperiali, Colosseo, Campidoglio, S.Pietro und Ostia antica- , und ein interkulturelles Seminar, auf welches sich dieser Bericht konzentriert.
Die Schüler und ich danken Frau Lau für die Organisationarbeit, Frau Schöller-Haspel für die Begleitung und Schülern und Eltern des geschichtsträchtigen Gymnasiums Liceo Torquato Tasso in Rom für die freundliche Aufnahme.
Den Schülern wurde einige Wochen vor der Rom-Fahrt eine Auswahl von "Alltagsbegriffen" präsentiert, die sich bei Auslandsseminaren, die ich in der Vergangenheit geleitet habe, bewährt haben, da sie sich auf leicht zugängliche Beobachtungssituationen beziehen und Einblicke in die kausalen Verkettungen zwischen kulturellen Werten und Alltagshandlungen gewähren.
Alle von den Schülern gewählten Alltagsbegriffe beziehen sich auf menschliche Interaktion: Freizeitgestaltung der römischen Jugendlichen, Besucher von Cafès/Bars, Verkehr in Rom und Beachtung der Regeln, das Verhältnis der Familienmitglieder untereinander, die italienische Esskultur.
Die Schüler wurden mit der Vorstellung vertraut gemacht, dass Kultur als ein Orientierungssystem verstanden werden kann. Dieses Orientierungssystem beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller Mitglieder der jeweiligen Gesellschaft. Aus diesem System und seinen Wertvorstellungen ergeben sich eigenständige Formen der Umweltbewältigung. Fragen wie: Wie mache ich einen Gang in die Bar oder zur Schule, eine Liebeserklärung oder wie spreche ich eine Postangestellten an? werden in jeder Kultur unterschiedlich beantwortet.
Diese Unterschiede zu beobachten wurde für die Schüler eine spannende Aufgabe; einigen von ihnen gelang es, ihnen mit Engagement, Neugierde und Ausdauer nachzugehen, wie die folgenden Tagebucheintragungen zeigen.

A. schreibt:

Fr. 9.10. "Ich hatte in Deutschland auch bei schnellen und aggressiven Fahrern noch nie so große Angst als Beifahrerin wie hier in Rom. Der Busfahrer fuhr allen so dicht auf, dass er jedes Mal fast in das Auto vor ihm hineinfuhr. Die Motorini-Fahrer zwängten sich zwischen jede kleinste Lücke und wurden von den Autos fast angefahren. Rote Ampeln wurden teilweise gar nicht beachtet, obwohl das rote Licht hier in Rom viel größer ist als das grüne und das gelbe.

Sa.10.10. Da es heute morgen sehr geregnet hat, haben meine Gasteltern meinen Austauschschüler Paolo und mich mit dem Auto zur Schule gebracht. Auf dem Weg dorthin habe ich vor allem festgestellt, wie ungeduldig die Römer beim Autofahren sind. Die Straßen waren sehr voll, da jeder trocken bei der Arbeit oder in der Schule ankommen wollte. Aus diesem Grund ist man nur sehr langsam vorangekommen und bei jedem Spurenwechsel, bei jedem kleinsten Schlenker nach links oder nach rechts wurde gehupt. Und zwar nicht nur von einem Autofahrer. Hier scheinen alle anderen vom Hupen "angesteckt" zu werden und es entsteht das reinste Chaos: Stau, Spurenwechsel, Gehetze, Regen, lautes und ständiges Hupen. Ich war froh, in der Schule angekommen zu sein.

So. 11.10. Heute Abend habe ich mitbekommen, dass die Italiener blinken unwichtig finden. Wenn sie an einer roten Ampel stehen, weiß man manchmal nicht, in welche der drei Richtungen sie fahren wollen. Gründe dafür gibt es keine, mein Gastvater meinte nur, dass es doch logisch sei, dass man, wenn man z.B. in der linken Spur steht, auch nach links abbiegt. Das habe ich in Berlin noch nicht so mitbekommen."

Diese Intuition der Schülerin A. entspricht der Definition "high-context-culture" aus den Theorien der interkulturellen Kommunikation: manche Kulturen - wie z.B. im Mittelmeerraum - entnehmen die notwendigen Zeichen oder Orientierungshinweise eher dem allgemeinen Zusammenhang einer Situation. Die deutsche Kultur zählt nicht dazu, deshalb sind ihr klare Hinweise und explizite Handlungsanweisungen immer wichtig.

B. schreibt:

Mo. 12.10. "(…) Die Straßen waren jedenfalls ziemlich dicht und das Hupen der Autos war auf dem Höhepunkt angekommen. In den vollen Bussen kommt es einem aber nicht wirklich so vor, als würde es die Menschen stören. Sie unterhalten sich, lachen und beachten ihre Umgebung eher weniger. Letztendlich ist es wahrscheinlich auch das Beste, was man machen kann, außerdem gehört das zur italienischen Mentalität".

Nach der Methode der Feldforschung wandten die Schüler außer den Tagebucheintragungen vor allem die Interview-Technik, das Aufschreiben von "echten" Dialogen, die teilnehmende Beobachtung und kleine "Krisenexperimente" an. Bei der gemeinsamen Diskussion am Dienstag in der Schule waren sie angehalten, die beobachteten Fakten von den eigenen Vermutungen über Motivationen der Agierenden und den eigenen Emotionen bei der Beobachtung klar auseinander zu halten. Schließlich sollten sie Hypothesen über Verhaltensnormen und Werte in der italienischen Kultur formulieren. Da die Gastgeber-Schüler an der Diskussion teilnahmen, wurde bald allen klar, welche Vorsicht und Werteabstraktion notwendig waren, um niemanden zu beleidigen. Diese Erfahrung erhöhte die Sensibilität und die sogenannte "interkulturelle kommunikative Kompetenz" der Schüler.

(Schülerin B.) Di.13.10." Nach der Diskussion in der Schule habe ich besonders eine Sache im Kopf behalten. Es hieß, dass die Italiener manchmal vielleicht den Fußgängerübergang nicht beachten, aber dafür viel humaner als die Deutschen sind und die Menschen einfach so zwischendurch die Straße überqueren lassen.
Ich habe es also ausprobiert und ich muss sagen, bis auf Ausnahmen bin ich unversehrt auf der anderen Straßenseite angekommen, wobei ich trotzdem der Meinung bin, dass auch in Deutschland die Menschen sehr vorsichtig und auch hilfreich sind.

Mi. 14.10. Nun sind wir am letzten Tag der Beobachtungen angekommen und zwar am Mittwoch, den 14.10.2009. Wir waren heute ziemlich spät dran und somit haben wir auch unsere Metro verpasst. Aber Italiener rennen einer U-Bahn oder Ähnlichem nicht hinterher, sie warten lieber auf die/den nächste/n.
Jedenfalls haben wir dann mal wieder unten am Bahnhof gewartet, wobei dabei besonders schön war, dass die Leuchttafel funktionierte und da stand, dass die nächste Metro in 5 Minuten komme. Italiener brauchen solche Zeitangaben eher weniger, Deutsche orientieren sich stärker an solchen Zeiten, um eine Planung zu machen.
Als wir die Metro schließlich bekamen, war es wie immer voll und stickig. So langsam hab ich mich aber schon gut angepasst. Inzwischen stört mich dieser enge Körperkontakt zu anderen Menschen nicht mehr. Normalerweise ist es so, dass Deutsche eine viel größere körperliche Distanz benötigen als Italiener, genau wie bei einem Gespräch oder einer Begrüßung. Man geht in Italien viel vertrauter miteinander um, und auch viel aufgeschlossener.
(..) Als wir dann mit den anderen Deutschen zum Ausflug fahren wollten, mussten wir in einen Bus steigen, der direkt an der Schule vorbeifuhr. In dem Bus habe ich einen älteren italienischen Mann kennen gelernt, da er mich angesprochen hatte. Er war sehr nett und aufgeschlossen. Das bedeutet, dass die Leute in den öffentlichen Verkehrsmitteln auch manchmal einfach mit anderen Menschen kommunizieren ohne sich zu kennen".

Die Erfahrung des ungewohnt engen Körperkontakts hat Tradition in der Literatur. Während seines zweiten Aufenthalts in Rom, vom 7. Juni 1787 bis zum 23. April 1788 schreibt Goethe ("O wie fühl ich in Rom mich so froh! Gedenk' ich der Zeiten, da mich ein graulicher Tag hinten im Norden umfing…") über das Römische Karneval. Seine Sätze halten uns das Treiben auf den Straßen und Plätzen Roms wie einen Spiegel des menschlichen Lebens vor: "Noch mehr erinnert uns die schmale, lange, gedrängt volle Straße an die Wege des Weltlebens, wo jeder Zuschauer und Teilnehmer mit freiem Gesicht oder unter der Maske…., mehr geschoben wird als geht, mehr aufgehalten wird als willig stille steht, nur eifriger dahin zu gelangen sucht, wo es besser und froher zugeht, und dann auch da wieder in die Enge kommt und zuletzt verdrängt wird. Dürfen wir fortfahren, ernsthafter zu sprechen…, so bemerken wir… dass Freiheit und Gleichheit nur in dem Taumel des Wahnsinns genossen werden können, und dass die größte Lust nur dann am höchsten reizt, wenn sie sich ganz nahe an die Gefahr drängt und lüstern ängstlich-süße Empfindungen in ihrer Nähe genießt."
Nun zurück zu unseren Schülern!

Schülerin C. hat sich mit dem Thema " Römische Jugendliche und Freiheit" beschäftigt:

Mi. 14.10. "Die Aktivitäten rund um die Schulsprecher werden hier sehr, sehr ernst genommen und gleichen schon fast politischen Veranstaltungen. Sowieso herrscht hier unter den Jugendlichen ein sehr großes Interesse an der Politik unter den Jugendlichen. Vielleicht kommt das durch die derzeitigen Missgriffe der italienischen Regierung. Viele Italiener gehen auch sportlichen Aktivitäten nach, obwohl die Lehrer empfehlen, den Nachmittag (d.h. 5-6 Stunden täglich) mit Lernen zu verbringen. Das italienische Schulsystem ist sehr darauf bedacht, die Jugendlichen auf intellektuellem Niveau auf das spätere Berufsleben vorzubereiten, wobei die Freizeit und die damit verbundene Persönlichkeitsentfaltung mehr und mehr außer Acht gelassen werden".

Schülerin D. äußert sich zum gleichen Thema:

Fr. 9.10. "In der Pause auf dem Schulhof rauchen fast alle, auch die Jüngsten. Der Pausenhof ist ohne Aufsicht, das Rauchen scheint anerkannt und völlig normal zu sein. Auch das Verhältnis zu den Lehrern, zumindest zu einigen, ist sehr locker und freundschaftlich. Schüler und Lehrer begrüßen sich mit Küsschen, sprechen sich mit "Du" an und auch der Sprachton sowie das Vokabular und die Umgangsart ändern sich teilweise den Lehrern gegenüber nicht.

[Die Jugendlichen treffen sich am Abend] So stehen sie dann alle in kleinen Grüppchen auf einem zentralen Platz, wie z.B. Campo de' Fiori. Irgendwie sind sie sich alle bekannt und so entstehen schnell Freundschaftsketten von 50 Leuten, mit denen es sowieso unmöglich ist, irgendwo in eine Bar oder ein Cafè zu gehen. Der nicht fahrende Bus, die teuren Eintritte [z.B. für die Disko] schränken die Freiheit der Jugendlichen erheblich ein und es kommt zu dem Rumstehen auf den Plätzen, das uns wie reines Warten vorkommt.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass mir der Austausch großen Spaß gemacht hat und ich viel über die italienische Kultur gelernt habe. Bezogen auf mein Beobachtungsthema kann ich sagen, dass vor allem die Schule italienische Jugendliche in ihren Freiheiten stark einschränkt und den Tagesablauf und die ersten 18 Lebensjahre bestimmt. Ich freue mich, diese Erfahrungen gemacht zu haben".

Lucia Lambertini

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